Im DMGD-Talk „Gesundheitspolitische Gespräche“ diskutieren Expertinnen und Experten über Chancen, Herausforderungen und Trends im Bereich Digitale Gesundheit.
Gemeinsam mit Dr. Olaf Gaus diskutiert Prof. Dr. med. Joachim Labenz, Chefarzt Medizinische Klinik I für Allgemeine Innere Medizin und Gastroenterologie im Klinikum Siegen, über die sektorenübergreifende Patientenversorgung im Hinblick auf Überlastung und Unterfinanzierung des deutschen Gesundheitssystems. Im Mittelpunkt stehen veränderte Anforderungen an das Gesundheitssystem, die Reformen notwendig machen. Dazu zählen mangelnde Regulierungen der Gesundheitsversorgung, bürokratische und wirtschaftliche Hürden sowie erforderliche Digitalisierungsmaßnahmen für eine sektorenübergreifende Versorgung.
Das Gesundheitssystem passt für Prof. Labenz nicht mehr zu den heutigen Anforderungen. Er sieht einen deutlich gestiegenen Anspruch auf medizinische Versorgung und kritisiert den unregulierten Zugang: „Mit deiner Eintrittskarte in die Krankenkasse kannst du das Gesundheitssystem so oft und wo du möchtest in Anspruch nehmen“. Zudem bemängelt er das sektorale Gesundheitssystem. „Sektoren, wie wir sie haben, sind nicht mehr zeitgemäß und nicht miteinander kompatibel“, betont Prof. Labenz und führt beispielhaft unterschiedliche Abrechnungssysteme im ambulanten und stationären Sektor an. Dadurch ist es nach Ansicht des Chefarztes auch schwierig, inhaltlich Kompatibilität zu gewährleisten.
Der Experte sieht großen Reformbedarf. „Wir sind das mit Abstand teuerste Gesundheitssystem in Europa“, betont Prof. Labenz und führt Bürokratiekosten von etwa 25 Prozent an, die nicht den Patient*innen zugutekommen. Der Experte gibt am Beispiel internistischer Fachabteilungen an, dass „drei Stunden pro Tag jeder Arzt, drei Stunden pro Tag jede Schwester“ allein mit der Dokumentation beschäftigt seien. Hinzu kämen Fehlanreize durch unternehmerische Strukturen. Hier bestehe Optimierungspotential. Weiter müsse die Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung dringend vorangetrieben werden, um den Informationsaustausch und die Vernetzung der Sektoren zu fördern. Prof. Labenz fordert daher umfassende Strukturreformen zugunsten eines modernen, sektorenübergreifenden Gesundheitssystems.
Außerdem sprechen Dr. Olaf Gaus und Prof. Labenz über das Triage-System in den Notaufnahmen, die Versorgung in ländlichen Regionen und damit verbundene Herausforderungen für Ärztinnen und Ärzte sowie über wichtige Schritte, die laut Prof. Labenz als erstes angegangen werden müssten.
24 Apr 2026
39 | Tristan Vitt
Gemeinsam mit Dr. Olaf Gaus diskutiert Tristan Vitt, Bürgermeister der Stadt Siegen, über die Herausforderungen in der regionalen Gesundheitsversorgung und den wachsenden Versorgungsbedarf aus kommunaler Perspektive. Gesundheitspolitische Zuständigkeiten sind formal auf Kreis-, Landes- und Bundesebene angesiedelt. „Die Handlungsmöglichkeiten sind aktuell nicht immer so groß, wie wir uns das wünschen, aber ich habe eine starke Grundüberzeugung als Politiker und deswegen bin ich angetreten: Wir kriegen das schon hin“, so Tristan Vitt.
Seine Handlungsoptionen sieht der Bürgermeister insbesondere im Bereich von Standortfaktoren, die nicht nur die Stadt Siegen, sondern auch die Region Südwestfalen sowie den Kreis Siegen-Wittgenstein betreffen. Ein attraktiver Standort kommt der Fachkräftebindung zugute. So ist es im Hinblick auf die Gesundheitsversorgung entscheidend, medizinische und pflegerische Fachkräfte langfristig an die Region zu binden. Tristan Vitt attestiert jungen Mediziner*innen gute Entwicklungsmöglichkeiten in Siegen. Dabei berücksichtigt er auch die wirtschaftliche Perspektive für Familienangehörige. „Wir bieten ein gutes Gesamtpaket mit den niedrigsten Mieten in ganz Nordrhein-Westfalen bei einer attraktiven Gesamtsituation der Region – sowohl städtisch als auch landschaftlich. Das einzige Defizit, was Siegen hat, ist, das alles nach außen zu verkaufen. Und da sehe ich meine Aufgabe in der kommenden Zeit, die Vorteile und die Attraktivität Siegens deutlich stärker in den Fokus zu stellen“, betont der Bürgermeister und ergänzt an die Universität Siegen gerichtet: „Ehrlicherweise würde es auch helfen, wenn man hier die Gesundheitsberufe etwas stärker in den Fokus stellt“.
Darüber hinaus sprechen Dr. Olaf Gaus und Tristan Vitt über die Siegener Kliniken im Kontext der Krankenhausreform, Handlungsoptionen im Bereich psychischer und psychosomatischer Erkrankungen und weitere gesundheitspolitische Themen.
6 Mar 2026
38 | Dr. med. Thomas Bandorski
„Eine digitale Praxis ist etwas, wo man mit digitalen Tools als Hilfsmittel eine Patientenjourney abbilden kann“, definiert Dr. Bandorski zu Beginn. Er betont, dass Digitalisierung dabei kein Selbstzweck ist, sondern als Hilfsmittel in die intersektoralen Prozesse eingegliedert sein muss. Besonderen Wert legt er auf den erkennbaren Nutzen für die Patient*innen. Dr. Bandorski betreibt eine digitale Praxis in Etteln, einem kleinen Dorf in der Nähe von Paderborn. Nachdem die Arztpraxis fünf Jahre lang unbesetzt blieb, eröffnete er im September 2025 dort die digitale DIHVA-Praxis Borchen-Etteln. Hier arbeitet eine speziell geschulte Mitarbeiterin, die mit den Patient*innen KI-gestützt einen Anamnesebogen erstellt und die Diagnostik durchführt. Die gewonnenen Informationen werden Dr. Bandorski, niedergelassener Hausarzt in der Praxis Dr. Bandorski + Schäfer, zugestellt. Auf dieser Basis entscheidet er über das weitere Vorgehen. „Ich verlasse mich auf meine Mitarbeiter vor Ort. Das mache ich in der Praxis auch. Ich benutze eine KI. Auch da muss man sich erst mal drauf einlassen. Aber die Rückmeldung der Patienten ist extrem gut“, so der Experte.
In diesem Zusammenhang schreibt Dr. Bandorski auch der Delegation an entsprechend qualifizierte Berufsgruppen, beispielsweise Physician Assistant (PA), Entlastende Versorgungsassistenz (EVA) und Nichtärztliche-Praxisassistenz (NäPa), eine besondere Bedeutung zu. „Wir werden die Versorgung allein mit Ärzten nicht sichern können“, so der Facharzt und ergänzt: „Wir müssen Versorgung anders denken“. Die Rolle der Ärztin und des Arztes wird sich seiner Einschätzung nach weiter verändern, indem die Arbeit an den Patient*innen abnimmt und Delegation zunimmt.
Wie Dr. Bandorski zum eRezept und zur elektronischen Patientenakte (ePA) steht, wie sich das Modell der digitalen Praxis am Beispiel von Etteln auf die Patient*innen auswirkt und wie wichtig nachhaltige, generationenübergreifende Maßnahmen zur Stärkung der Gesundheitsprävention sind, wird in dieser Folge ebenfalls diskutiert.
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