Willkommen in Vallés Sachbuchecke! Hier wird mittels der Besprechung von Sachbüchern sukzessive ein Hochspannungsnetz analytischer Blickwinkel aus Soziologie und Politischer Ökonomie gesponnen (und manchmal rege ich mich über Kackbücher auf)
Wenn neue Folgen, dann am 01. und/oder 15. des Monats.
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VSBE #6 - Rationalität und Funktionsweise der Austerität
Mattei, Clara E. : Die Ordnung des Kapitals. Wie Ökonomen die Austerität erfanden und dem Faschismus den Weg bereiteten. Brumaire, 2022.
Austerität ist nicht irrational. Ihr Ziel ist allerdings, ungeachtet aller Rhetorik, nicht volkswirtschaftliches Wachstum, sondern eine Absicherung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Mattei dokumentiert minutiös, wie die austeritäre Konterrevolution in den ersten Jahren der Zwischenkriegszeit das umgehende Gespenst der Wirtschaftsdemokratie zu ersticken vermochte. Beeindruckend ist die Schärfe, in welcher die Austerität auf fiskalischer, monetärer und industrieller Ebene skizziert wird. Obgleich der Untersuchungszeitraum über ein Jahrhundert zurückliegt, bleibt die Funktionsweise der Austerität gleich - Ihre Geburt jedoch zeigt die Möglichkeit der Überwindung ihrer selbst: Ökonomie ist politisch.
[00:00] Teaser bis Begrüßung
[02:20] Die Autorin
[04:14] Vorläufige Definition und Zweck der Austerität
[09:12] Das Standardisierungsmoment im ersten Weltkrieg und seine Implikationen
[16:33] Revolutionäres Aufbegehren und reformistische Einhegung
[24:07] Vorbedingungen der "neuen Ordnung": Gramscis vier Ebenen der Erlangung von Hegemonie
[31:30] Die Geburt der Austerität als globalpolitisches Projekt (und als Anti-Gramsci)
[38:37] Die Definition der Austerität: fiskalische, monetäre und industrielle Ebene
[44:50] Austerität für Immer (?)
[47:59] Zusammenfassung und Widerlegung (bis heute verbreiteter) Mythen
[52:02] Vielsagende Rezension Stährs in der TAZ und Verabschiedung
Besagte Rezension:
https://taz.de/Buch-ueber-Austeritaetspolitik/!6086935/
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15 Jul 2026
VSBE #5 - Phantombesitzverteidigung mit allen Mitteln
Von Redecker, Eva: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus. S. Fischer, 2026
Eva von Redecker lädt ein, auf einer gut 250 Seiten lange Reise durch das Denken der Frankfurter Schule, Hannah Arendts und der Psychoanalyse Beschaffenheit und Rationalitäten des neuen Faschismus zu ergründen. Große Teile der Reise sind leider etwas beschwerlich und abwegig. Wirklich zielführend sind vor allem die ersten fünfzig Seiten und die letzten zwanzig, auf denen die ersten fünfzig in Erinnerung gerufen werden.
Mittels des Konzepts der liquidierenden Phantombesitzverteidigung lässt sich der Faschismus greifen. Praktikabel ist das Gedankengebäude Redeckers, wenn man Argumentationsstränge und Lustideologien faschistoider Sprechakte entblößen möchte - Eine Kritik der omnipräsenten Militarisierung Deutschlands findet jedoch nicht statt, obwohl von Redeckers Konzept einen außerordentlich guten Erklärungsansatz für die im öffentlichen Diskurs geleistete mentale Verrenkungsarbeit hat: Um das Phantasma zu beseitigen, ist jedes Mittel recht, selbst wenn der Phantombesitz selbst geopfert werden muss.
1 Jul 2026
VSBE #4.2 - Destruktives Begehren: Sado-Masochismus als faschistischer Nährboden
Amlinger, Caroline; Nachtwey, Oliver: Zerstörungslust. Elemente des Demokratischen Faschismus. Suhrkamp, 2025.
Amlinger und Nachtwey haben mit "Zerstörungslust" ein Werk vorgelegt, welches den zeitgenössischen Faschismus greifbar macht. Aus der liberalen Ordnung steigt ihnen zufolge ein demokratischer Faschismus empor, welcher sich aus den blockierten Leben wie der sado-masochistischen Veranlagung seiner Subjekte speist. Die Lust auf Zerstörung kulminiert in exterminatorischen Fantasien und einer nekrophilen Bearbeitung der Welt.
In der zweiten Folge zum Buch widmen wir uns zunächst den drei Archetypen der Destruktivität und der entscheidenden Rolle des Majoritarismus. Daraufhin werden Erscheinungsformen und Narrative des destruktiven Begehrens diskutiert, welche als Motor des historischen wie gegenwärtigen Faschismus fungieren. Die Aversion gegenüber allem Hybriden und jeder Unordnung, somit gegenüber dem Leben selbst, lässt Nekrophile von einer Welt träumen, in welcher das Mängelwesen Mensch überwunden ist und im Maschinellen aufgeht. Die innere Unordnung, potenziert durch die Unsicherheit des Lebens im Neoliberalismus und der damit einhergehenden Schuldverlagerung ins Subjekt, muss mit der Errichtung einer ewigen Ordnung in der Außenwelt bekämpft werden.
[00:00] Teaser bis Begrüßung
[02:14] Archetypen der Destruktivität: Erneuerer, Zerstörer, libertär-Autoritäre
[15:25] Nekrophilie
[20:29] Geschlechtsspezifische Unterschiede der faschistischen Affizierung
[27:17] Erscheinungsformen und Narrative der Destruktivität: Petromaskulinität, Akzelerationismus, Sterbende Zivilisationen
[36:29] Weitere Ergebnisse der Studie (Affinität zu Destruktivität und Autoritarismus)
[43:21] Kleinere Beobachtungen (Akzeptanz von Homosexualität, Linke Zerstörungslust, Verinnerlichung neoliberaler Ideale und divided self)
[48:53] Zusammenfassung
[52:19] Verabschiedung (samt jovialem Ratschlag)
Scam-Werbung als Paradebeispiel des Majoritarismus: https://faktenreport.click/c/de/52_merzchrupalla/?method=pop®form=1&on=Gratanurex&icid=wktr2jtdfnfkpp5j38rvj31r&traff=b5d90e24-b595-49bc-9944-7062e6624431&cmp=333efc5f-af66-49ce-9899-4fe574cdf89b
Kristi Noems Gefängnisbesuch: https://m.youtube.com/watch?v=q9oZ0pHymko&pp=ygUea3Jpc3RpIG5vZW0gcHJpc29uIGVsIHNhbHZhZG9y
15 Jun 2026
VSBE #4.1 - Blockierte Leben und die Attraktivität des Demokratischen Faschismus
Amlinger, Caroline; Nachtwey, Oliver: Zerstörungslust. Elemente des Demokratischen Faschismus. Suhrkamp, 2025.
Amlinger und Nachtwey haben mit "Zerstörungslust" ein Werk vorgelegt, welches den zeitgenössischen Faschismus greifbar macht. Aus der liberalen Ordnung steigt ihnen zufolge ein demokratischer Faschismus empor, welcher sich aus den blockierten Leben wie der sado-masochistischen Veranlagung seiner Subjekte speist. Die Lust auf Zerstörung kulminiert in exterminatorischen Fantasien und einer nekrophilen Bearbeitung der Welt.
In der ersten von zwei Folgen befassen wir uns mit der Genese ungelebten Lebens, dem Antiliberalismus als einheitsstiftendem Element und der Attraktivität des demokratischen Faschismus.
00:00 - Teaser bis Begrüßung
03:05 - Die Autor*innen
05:21 - Aufbau des Buches
07:46 - Die Krise des Liberalismus
19:08 - Der demokratische Faschismus
28:33 - Gruppennarzissmus und Gegenepistemologie
38:26 - Affekthaushalt destruktiver Subjekte (Anriss)
45:58 - Zusammenfassung
47:30 - Verabschiedung
1 Jun 2026
VSBE #3.2 - Sozial- und Subjektstruktur in der Spätmoderne
Reckwitz, Andreas: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. Suhrkamp 2019.
Reckwitz konstatiert einen Wandel vom Allgemeinen zum Singulären und vermag es bei der Analyse allgemeiner sozialer Realität mit einzigartiger Präzision vorzugehen. Das Ergebnis dieser Arbeit sind Konzepte und Vokabeln, die ein solides soziologisches Fundament bilden und gleichsam zu stetigen Weggefährten werden, wann immer man sich auf den Pfad der Gesellschaftskritik begibt.
Im zweiten Teil werden mit Reckwitz Sozial- und Subjektstruktur der Postmoderne insbesondere hinsichtlich ihres Potenzial zur faschistischen Regression analysiert.
00:00 - Teaser bis Begrüßung
02:36 - Rekapitulation der letzten Folge
05:02 - Die Alte Mittelklasse und ihr regressives Potenzial
16:29 - Die Neue Mittelklasse und ihr Kampf um die kulturelle Hegemonie
22:02 - Zum Subjektbegriff
24:16 - Subjektstruktur des spätmodernen Subjekts
39:40 - „Allegro Pastell“ als Paradigma des entgrenzten Subjekts
43:15 - Zusammenfassung
45:08 - Verabschiedung
Weiterführend, trotz sechs(!) beteiligter Personen aber mit verblüffend schwacher Audioqualität: https://andreasreckwitz.podigee.io/
15 May 2026
VSBE #3.1 - Ökonomie, Politik und Kultur in der Spätmoderne
Reckwitz, Andreas: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. Suhrkamp 2019.
Reckwitz konstatiert einen Wandel vom Allgemeinen zum Singulären und vermag es bei der Analyse allgemeiner sozialer Realität mit einzigartiger Präzision vorzugehen. Das Ergebnis dieser Arbeit sind Konzepte und Vokabeln, die ein solides soziologisches Fundament bilden und gleichsam zu stetigen Weggefährten werden, wann immer man sich auf den Pfad der Gesellschaftskritik begibt.
Im ersten von zwei Teilen beschäftigen wir uns mit der Singularisierung auf den Ebenen der Ökonomie, Politik und Kultur.
00:00 - Teaser bis Begrüßung
02:50 - Der Autor
03:51 - Der Kernbegriff der Singularisierung
11:03 - Ökonomie in der Spätmoderne: Der kulturell-kognitive Kapitalismus
20:53 - Politik in der Spätmoderne: Das Paradigmas des apertistischen Liberalismus
32:46 - Kultur in der Spätmoderne: Hyperkultur und Kulturessenzialismus
38:20 - Zusammenfassung
39:56 - Verabschiedung
15 Apr 2026
VSBE #2 - Kein Marx in Sicht: Kapitalismuskritik als Partygespräch
Sahner, Simon; Stähr, Daniel: Die Sprache des Kapitalismus. S.Fischer 2024.
Trotz eines revolutionären Impetus entbehrt "Die Sprache des Kapitalismus" nicht nur einer intellektuell ansprechenden Analyse derselben, sondern einer fundierten Kapitalismuskritik insgesamt. Die Autoren reproduzieren ebenjene Verlagerung der Schuld ins Subjekt, welche sie zu entlarven meinen. Immerhin liefert das Buch umfangreiches Potenzial für Partygespräche, doch der Marx sitzt bei Sahner und Stähr derart locker, dass das Gros der Unterhaltsamkeit der Lektüre unfreiwilliger Natur ist.
00:00 - Teaser bis Begrüßung
02:05 - Die Autoren
03:22 - Sprachkritik
20:01 - Bildkritik
26:21 - „Auswege“ aus der kapitalistischen Sprache
34:37 - Zusammenfassung
37:43 - Verabschiedung
1 Apr 2026
VSBE #1 - Glück und die Positive Psychologie als ideologische Pfeiler des Neoliberalismus
Cabanas, Edgar; Illouz, Eva: Das Glücksdiktat. Und wie es unser Leben beherrscht. Suhrkamp 2019.
In der ersten Folge beschäftigen wir uns mit dem Glück - oder eher mit dem, was die in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten expandierende Glücksindustrie und die Positive Psychologie als ihr intellektueller Überbau darunter versteht. Was sich in nervigen Guru-Werbungen im Internet oder faschistoid anmutendem Selbstüberwachungswahn manifestiert, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein hegemoniales Projekt, welches die ökonomischen Herrschaftsverhältnisse zementiert.
00:00 - Teaser bis Begrüßung
02:25 - Die Autor*innen
04:03 - Profitables Glück und die Glücksindustrie
18:15 - Glück und Arbeitsmarkt
26:26 - Glück als hegemoniales Projekt
30:30 - Zusammenfassung
31:05 - Ausblick und Verabschiedung
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