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Gespräche an der Wertach

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by LiteraturhausAUX

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Podcast Overview

In dieser Podcastreihe spricht das Literaturhaus Augsburg mit verschiedensten Gästen über Literatur, Kultur, Ästhetik, das Leben und vieles mehr.

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🇩🇪

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3/22/2020

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Episode thumbnail for "Pierre D., eine Wolke in Hosen": Die Unschärfe der Person

April 8, 2021

"Pierre D., eine Wolke in Hosen": Die Unschärfe der Person

<p>An einem milden Frühsommerabend machen sich Dr. B und seine Kolleginnen Lisa und Caro auf den Weg. Sie suchen sich ein idyllisches Kiesbänkchen an der Wertach, um umgeben von einem alten Autoreifen und geleerten Wodkaflaschen über Sophie Calles Adressbuch zu sprechen.</p> <p>Die Erzählerin findet das Adressbuch eines gewissen Pierre D. und startet ein Experiment. Sie trifft sich mit Freunden und Familie, um, Erkenntnisse über Pierre D. zu erlangen. Nach und nach lassen diese Erkenntnisse ein Bild vor dem inneren Auge entstehen. Dennoch bleibt dieses Bild, trotz verschiedener, interessanter Facetten gleichzeitig leer. &nbsp;Sophie Calle hat diese Begegnungen mit den Menschen aus Pierres Adressbuch dokumentiert. 1983 erschienen diese Dokumentationen einen Monat lang als Serie in der französischen Tageszeitung Libération. Damals lösten sie einen Skandal aus. Heute wahrscheinlich auch, nur unter dem neuen Begriff “stalking”.</p> <p>Heute finden wir im Café vermutlich kein verlorenes Adressbuch mehr. Vielleicht ein Smartphone. Dank Instagram, Google, Facebook und Co ist es ein leichtes, verschiedene Aspekte einer Person herauszufinden. Man gibt wenige Schlagwörter in eine Suchmaschine ein oder ruft das Profil desjenigen auf. Aber gelingt ein Kennenlernen so besser?</p> <p>Werte Zuhörer, haben Sie schon einmal eine Person digital erkundet, vielleicht sogar gestalked? Auf Datingplattformen à la Tinder stellen sich Menschen mithilfe weniger Bilder, Sentenzen oder Pseudo-Wisdoms vor. Die einen zeigen ihr pornösestes Duckface, ihre Thighgap oder den Monsterbizeps, die anderen lichten sich beim Eiswasserfallklettern, mit der anspruchsvollen Lektüre oder beim Kröten-über-die-Straße-Tragen ab. Auf jeden Fall skizziert man ein Bild seines eigenen Lebens, wie man sich gerne sehen würde. Am besten authentisch, selbstbewusst und „mit beiden Beinen im Leben stehend“.</p> <p>Ist es möglich, oder besser: will man ein „authentisches“, bruchloses Bild abgeben? Heute, im Zeitalter der sogenannten Achtsamkeit, wird oft postuliert, dass es wichtig sei, authentisch, man selbst, mit sich im Reinen oder angekommen zu sein. Für mich sind das inhaltsleere Begriffe. Was soll das bedeuten, authentisch, also echt zu sein? Ist das überhaupt relevant oder erstrebenswert? Ist nicht alles, auch das Sich-Verstellen, ein authentischer Teil meiner selbst? Ist nicht das Gesellschaftlich-Aufgezwungene, von dem ich mich vermeintlich befreien muss, für mich genauso echt wie das angeblich Unverstellte? Was ist echt? Ist „wissen was man will“ echt oder darf man als Mensch widersprüchlich sein?</p> <p>Die Gleichung, je mehr eine Person über ihr Leben teilt desto besser lernt man sie kennen, geht nicht auf. Ist es nicht reizvoller, jemanden zu treffen, der nicht schon vermeintlich jeden Aspekt seines Lebens ablichtet? Denn je weniger man (hoffentlich nur im übertragenen Sinne) blankzieht, desto mehr gibt es zu entdecken.</p> <p>Sehr verehrte Zuhörer, achten Sie stets darauf, dass Ihrem so konzipierten Bild noch zahlreiche Puzzleteile fehlen, die jederzeit eingefügt oder ausgetauscht werden können.</p>

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December 19, 2020

Gedichte? Echt jetzt?

<p><strong>“Wir wollten über Pornos sprechen!”, rufen Dr. D. und Katrin M. “Nicht über Gedichte.” Ja, warum eigentlich Lyrik? Das fragen sie sich gemeinsam mit Dr. B., während sie auf dem Balkon einer Stuttgarter Altbauwohnung im spärlichen Schatten der Tomatenpflanze sitzen. Dr. B. muss während der gesamten Aufnahmen einen Kinderregenschirm über die Köpfe der Damen halten, damit sie nicht in der Sonne schmelzen. “Ja, warum eigentlich nicht über Gedichte sprechen?”, frage ich mich, das Millennial; ein Wort, das bei Dr. B. oft Schweißausbrüche auslöst. Im gleichen Zug schreibt er für die Kategorie </strong><strong>Burning the Midnight Oil </strong><strong>einen Text, in dem er über sein Alter klagt; die Jugend, die so kurz war und den schwachen Trost, dass es uns allen irgendwann so ergehen wird - aber unsere Generation nervt. Schon klar. Manchmal wirklich. Im Sommer teilte meine Cousine - ebenfalls Mitte 20 - folgende Weisheit mit mir: “Ja, Literatur ist, glaub’ ich, irgendwie over.” Wenn das für Literatur gelten sollte, dann gilt das für Gedichte allemal, aber wieso? Fehlt die Zeit? Nach einem 8-Stunden-Tag haben die wenigsten Lust und Nerven, ein Gedicht zu lesen </strong><strong>und</strong><strong> zu verstehen. Oder sind sie dem eigenen Alltag einfach zu fremd? Aber ist nicht beispielsweise Rilkes </strong><strong>Der Panther </strong><strong>aktueller denn je? Die Band </strong><strong>AnnenMayKantereit </strong><strong>verarbeitet diese Zeilen in ihrem Song, aber wer erkennt diese Referenz überhaupt noch, wenn Leadsänger Henning von seinem müden Blick und tausend </strong><strong>Städten</strong><strong> singt, hinter denen es keine Welt gibt? Vielleicht gehört Rilke den Intellektuellen, vielleicht noch den Künstlern, aber da hört es meist auf. Doch bleibt dann wirklich nur noch diese furchtbare Pseudo-Poesie, die einem als Wandtattoo “Lächle und die Welt verändert sich.” entgegenschreit, oder Instagram Captions, die mir etwas von “Good vibes only” erzählen? Vielleicht sind Gedichte gar nicht “over”, vielleicht sind sie nur leiser als all diese künstliche Wortaufplüscherei. Eine Antwort habe ich nicht.</strong></p> <p><strong>Jetzt aber zurück zu der Generation, die uns so furchtbar findet. Hat sie eine Antwort, oder geht’s dann doch nur um Pornos? Mit dem Alter kommt ja angeblich auch die Weisheit, oder, Dr. B.?</strong></p>

Episode thumbnail for Ein Bild, auf dem es nichts zu sehen gibt oder: Der kalte Rausch der Kommunikation - Leif Randts "Allegro Pastell”

November 4, 2020

Ein Bild, auf dem es nichts zu sehen gibt oder: Der kalte Rausch der Kommunikation - Leif Randts "Allegro Pastell”

<p><strong>"Die Obszönität beginnt, wenn es kein Schauspiel, keine Szene, kein Theater, keine Illusion mehr gibt, wenn alles dem kalten, unerbittlichen Licht der Information und Kommunikation ausgesetzt ist.&nbsp;</strong><strong>Wir erleben nicht mehr das Drama der Entfremdung, wir erleben die Ekstase der Kommunikation."</strong></p> <p>Aus: Das Andere Selbst von Jean Baudrillard, erschienen im Jahr 1987</p> <p><strong>Wir haben rüber gemacht, haben den Wertachstrand und die goldenen Sonnenuntergänge Oberhausens hinter uns gelassen, um jenseits der Alpen im gleissenden Licht der Grossstadt zwischen Bankentürmen und Versicherungswolkenkratzern abzutauchen. Hier in Zürich gibt es dreckiges Geld und saubere Luft, schlechte Brezen und guten Kaffee. Es gibt Subkultur und Überpopulation.</strong></p> <p><strong>In einem Café sitzend, sich den letzten Sonnenstrahlen des Sommers hingebend, verschlingt Dr. B seine softscrambled eggs auf sourdough bread binnen weniger Minuten. Er hat immer noch Angst, dass sich wieder diese unsichtbare Hand um seinen Hals legt und zudrückt. Katrin M. hat das auf der Fahrt schon beobachtet: Denn sobald sie auf Tanja und Jérôme zu sprechen kommt, fängt Dr. Bs Gesicht an, Rot zu werden und zu zucken. Aber es muss sein, sie kann ihm diese Diskussion jetzt nicht ersparen.</strong></p> <p><strong>Dr. B und Katrin M. brauchen Neutralität und die Idee von Basisdemokratie, um über Tanja und Jérôme zu sprechen, über das Buch «Allegro Pastell». Der Roman von Leif Randt begleitet Tanja, eine Romanautorin und Jérôme, einen Webdesigner, zwischen Frankfurt und Berlin – long distance, alles andere wäre für die beiden auch keine Option. Tanja und Jérôme, sie sind voller Liebe füreinander, aber vor allem für sich selbst. Und das zelebrieren sie. Ebenfalls und ausschließlich für sich selbst.</strong></p> <p><strong>Das Café, in dem sich Dr. B und Katrin M. befinden, liegt im Kreis 4, mitten in Zürich. Unweit der Bäckeranlage versteckt sich das grün gekachelte Gebäude zwischen Grundschule, Saunaclub und gehobener Weinhandlung. Nackte Betonwände, reduziertes Mobiliar, im Hinterhof weisse Plastikgartenstühle. Hier würde es auch Jérôme und Tanja gefallen. Nur Steckdosen gibt es zu wenig, fast keine eigentlich, deshalb werden Dr. B und Katrin M. später den Ort wechseln müssen.</strong></p> <p><strong>Während das heiße Wasser eine Schneise durch die frisch gemahlene Hondurasbohne gräbt – Katrin M. wartet ungeduldig auf den zweiten Kaffee – wischt sich Dr. B den Mund mit einer braunen Papierserviette ab, checkt noch schnell den Akku des Aufnahmegerätes und drückt dann auf Play.</strong></p>

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