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Morgenstunden-Podcast

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by Uwe Alschner

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Podcast Overview

Die Morgenstunden sind mein Beitrag für die Welt. Sie werden zukünftig mehrmals in der Woche in Form von Lesungen aus Originaltexten sowie mit Übersetzungen und eigenen Texten erscheinen, um den Sinn zu schärfen für die Notwendigkeit einer Rückbesinnung auf das Göttliche in uns — und damit a priori auf Gott. <br/><br/><a href="https://morgenstunden.substack.com?utm_medium=podcast">morgenstunden.substack.com</a>

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🇩🇪

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June 30, 2026

Freiheit ist das A & O

<p>Lieber Miko,</p><p>diese Morgenstunde ist ein weiterer Versuch, das Gespräch “über Gott und die Welt” zu führen. Also scheinbar ohne konkreten Bezug zu unserem Alltag sich den Luxus zu erlauben, einige grundsätzliche Gedanken zu betrachten. </p><p>Das kann man tun, oder man kann es lassen. Der Mensch ist frei. Will ich also diese Zeit investieren? Um das zu entscheiden und meine Freiheit auszuüben, muss ich wohl erst einmal nachdenken darüber, was Freiheit ist. Oder nicht?</p><p>Mit unserer Freundin Maria (nennen wir sie hier einfach mal so, weil es ein schöner Name ist. Du kennst sie eigentlich unter anderem Namen, aber Maria passt doch sehr gut) — mit Maria habe ich kürzlich einen längeren Austausch gehabt. Darin ging es letztlich auch um die Frage, was ist Freiheit — und was ist die Beziehung zwischen Freiheit und Verantwortung.</p><p>Maria schrieb dann: </p><p><p>„Übernehme ich genug Verantwortung für mich, das Leben...?</p><p>I don’t know. Das darf sich jeder selbst fragen, finde ich.“</p></p><p>Hintergrund war mein Hinweis, dass ich meine, um wirklich Mensch zu sein, gehört es vielleicht dazu, sich der Verantwortung bewusst zu werden, die mit dem Menschsein einhergeht.</p><p>Ich verstehe Maria so, dass sie sagt: “Verantwortung kann auch schwer sein. Eine Last. Und ob und wieviel ich davon tragen möchte, weiss ich nicht.”</p><p>Klingt sehr menschlich, finde ich. </p><p>Und wenn ich nun einige Gedanken daran anschliesse und hier mit dir teile (und unseren Lesern), dann tue ich das nicht, weil ich glaube, dass ich mehr (oder gar besser) weiß, als Maria. Sondern ich tue das, weil ich frei bin, diesen Gedanken weiter zu denken.</p><p>Wie Maria glaube auch ich, dass sich jeder Mensch selbst fragen darf, ob er ‘genug’ Verantwortung (Last) trägt. Mehr noch: ich glaube, jeder Mensch <strong>muss</strong> das tun!</p><p>Wer entscheidet nun, ob ein Mensch das muss? Heisst es nicht bei Schiller: </p><p><p>“»Kein Mensch muß müssen,« sagt der Jude Nathan zum Derwisch”</p></p><p>Ja, so heisst es bei Schiller in seinem Text “<a target="_blank" href="https://archive.ph/au3w8#selection-1037.0-1037.60">Über das Erhabene</a>”. Und er beginnt sogar mit jenen Worten, um dann aber fortzufahren: </p><p><p>“[D]ieses Wort ist in einem weitern Umfange wahr, als man demselben vielleicht einräumen möchte.”</p></p><p>Sich auf die Freiheit zu berufen, kann also dazu führen, dass man die damit verbundene Wahrheit (und was daraus folgt) als Last betrachtet. Hätte man das gewusst, … möchte es vielleicht dann doch lieber nicht…</p><p>Meiner Freundin Maria war nun die Verantwortung sehr schwer, nicht die Freiheit. Ich habe ihr dann geantwortet:</p><p><p>“Hier liegt natürlich eine Dialektik. Wenn ich WOLLEN darf, weil ich ein Mensch mit freiem Willen bin, was folgt dann daraus? Dass ich alles DARF, was ich WILL?? Dass also alles erlaubt ist, sofern kein Verbot existiert?</p><p>Oder folgt daraus eine VERANTWORTUNG, mir klar zu werden, WARUM / WOZU ich will, was ich will?”</p></p><p>Nun hast du Recht, lieber Miko, wenn du sagst, dass diese Freiheit, ‘alles tun zu dürfen, was man will und was nicht verboten ist’, sich nicht gut anfühlt. Sie ist ja auch keine Freiheit, sondern Hedonismus! Hedone war in der Griechischen Mythologie die Tochter des Eros und der Psyche. </p><p>Eros wird bei Wikipedia als Verkörperung oder Gott der Liebe bezeichnet, aber das ist eine Verkürzung, die in die Irre führt. Eros ist der Gott, der um seiner selbst willen liebt, der begehrt (besitzen will) und verzehrt (aufessen will), was er liebt. Also der ein um sich selbst kreisendes egoistisches und zerstörendes Wesen hat. </p><p>Was ist zerstörerisch an Eros? Es ist das Verzehrende. Zehren heisst essen, ver-zehren heisst aufessen, vernichten. Zehrung kommt von Ceres, der römischen Göttin der Fruchtbarkeit und Nahrung. Es ist wichtig, dass wir essen. Aber wir müssen (oder dürfen) aufpassen, dass wir nicht maßlos werden. Völlerei oder <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fresssucht?redirect=no">Fresssucht</a> ist ein Wort für maßloses Essen um seiner selbst willen. Ver-Zehren bedeutet somit, die Grundlage für zukünftiges Leben zu gefährden. </p><p>Wenig bekannt ist die merkwürdige Verbindung zwischen einer hedonistischen (falsch verstandenen) ‘Freiheit’ und der egoistischen, zerstörenden ‘Liebe’: Ceres und Liber sind in der römischen Mythologie Mutter und Sohn. <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liber">Liber ist als Gott des “</a><a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liber">von Sorgen und Mühen frei machenden Weines</a><a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liber">” und </a><a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liber">tierischer</a><a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liber"> </a><a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liber">Triebe</a> verehrt worden. </p><p>Das Adjektiv frei kommt aus dem Lateinischen von <a target="_blank" href="https://www.frag-caesar.de/lateinwoerterbuch/liber-uebersetzung-3.html">liber</a>. Die Kindheit endete in der römischen Kultur mit dem <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liberalia_(Fest)">Fest der Liberalia</a> zu Ehren des Rauschgottes Liber und seiner Schwester Liberia. Zu dem Fest bekamen Jünglinge ihren Umhang, die Toga, zum Zeichen, dass sie nun Männer seien (und sich dem Rausch und dem Eros hingeben dürfen). </p><p>Ich bin mir nicht sicher, wie viele Menschen in unserer Zeit um diesen Ursprung des Wortes Freiheit oder Liberalismus wissen. Was meinst du? Dahinter steht für mich ein merkwürdiges Verständnis vom Sinn des Erwachsenwerdens, oder? Erwachsen zu werden bedeutet doch, eine gewisse Reife zu erlangen zur Befähigung, das Leben eigenständig (ohne elterliche Aufsicht) zu bestreiten. Daher auch das Abitur im Deutschen (von lateinisch: <a target="_blank" href="https://www.wortbedeutung.info/abire/">ab-ire</a>, ins Leben gehen) und die Matura im Österreichischen (von lat. <a target="_blank" href="https://de.wiktionary.org/wiki/maturus">maturus</a>, reif, ausgewachsen). Wohin führt ein Leben, was die Feier der Reifung eines Menschen auf die rein animalische Lust nach Ausschweifung gründet?</p><p>Es gibt natürlich noch eine ganz andere Art von Liebe und von Nahrung. Jesus spricht: <a target="_blank" href="https://www.bibleserver.com/de/verse/Matth%C3%A4us4,4">Der Mensch lebt nicht vom Brot allein</a> (und von dem berauschenden Wein oder gar dem Trieb nach körperlicher Befruchtung schon mal gar nicht). Denn wenn es so wäre, wo wäre dann der Unterschied zwischen Mensch und Tier? Essen zur Erhaltung der köperlichen Kraft ist Mensch und Tier gemeinsam, doch der Mensch hat darüber hinaus die Fähigkeit zu schöpferischem, kreativen Denken und Tun.</p><p>Anstatt seinen Trieben folgen zu müssen (was der Psychoanalytiker Sigmund Freund als menschliches Bedürfnis ansieht und die Unterdrückung von Trieben als Ursache von Krankheit und Problemen), hat der Mensch für Viktor Frankl (ein Zeitgenosse und Kollege von Freud, mit allerdings ganz anderem fachlichen Ansatz) im Wesentlichen (also im Grunde des Menschen) das <a target="_blank" href="https://youtu.be/emQLRpLQgCw?t=545">Bedürfnis nach Sinnfindung</a>. Dies folgt aus der Fähigkeit, von sich selbst zu abstrahieren, also sich in Gedanken selbst zu betrachten. Da der Mensch sich in Gedanken wie von außen sehen kann, folgt daraus die neugierige Frage nach dem Grund (dem Sinn) des menschlichen Daseins. </p><p>Woher kommt das Dasein?</p><p>Der Mensch kann demzufolge <strong>Freiheit</strong> als das begreifen, was es ist: die <strong>Fähigkeit zur Erkenntnis</strong>, dass körperliche Liebe am Genuss nur eine Seite seiner Menschlichkeit ausmacht. Die <strong>Hingabe an die Suche nach dem Ursprung und Sinn seines Lebens</strong> wäre die andere Seite. Frankl spricht in diesem Zusammenhang auch von dem Bedürfnis nach Religiosität. Re-<a target="_blank" href="https://www.frag-caesar.de/lateinwoerterbuch/ligare-uebersetzung-1.html">ligare</a> ist ebenfalls lateinisch und bedeutet die <a target="_blank" href="https://www.frag-caesar.de/lateinwoerterbuch/religere-uebersetzung-1.html">Rück-Bindung</a> an den Ursprung der weltlichen Existenz. <a target="_blank" href="https://www.frag-caesar.de/lateinwoerterbuch/existere-uebersetzung.html">Existenz</a> ist das, was hervortritt, was wird. Es tritt aus dem Seienden heraus, aus dem, <strong>was immer war, was ist und immer sein</strong> wird. Das, was kein Anfang und kein Ende hat, oder in dem <a target="_blank" href="https://bible.knowing-jesus.com/Deutsch/Jesaja/44/6">Anfang</a> (Alpha) und <a target="_blank" href="https://bible.knowing-jesus.com/Deutsch/Jesaja/48/12">Ende</a> (Omega) zusammenfallen, <a target="_blank" href="https://biblische-redensarten.de/a/alpha-und-omega/">das A & O</a>. Wie die Kugel, jenes Symbol, welches Nikolaus von Kues dem Kugelspiel als Metapher zugrunde gelegt hat.</p><p>Metapher bedeutet, es ist eine Hilfe zum Verständnis für etwas, von dem wir noch keinen Begriff haben. So wie in <a target="_blank" href="https://web.archive.org/web/20231211181131/https://andreasmartineisen.com/platon/platons-hoehlengleichnis/">Platons Höhlengleichnis</a>, in der er mit dem Bild eines Feuers und den Schatten, die sein Licht an die Wand einer Höhle wirft versucht, die Notwendigkeit der Suche nach der Wahrheit (oder nach dem Sinn des Lebens) zu erklären. Die Schatten stehen für eine Realität, die nur abgebildet ist. Das Feuer steht ebenfalls als nur als Metapher für die Quelle des Lichts (Quelle der Wahrheit/Gerechtigkeit), in Wirklichkeit ist die Quelle viel größer und im letzten nicht mit den Augen zu betrachten, da sie viel zu groß und unerreichbar weit entfernt ist. Trotz der Unmöglichkeit, diese Quelle mit Augen zu sehen, kann man sich in Gedanken diese Quelle vorstellen und ihr gedanklich immer näher kommen. Die Kugel ist also auch eine Metapher für diese vollkommene Wahrheit. </p><p>Während es für uns Menschen unerreichbar ist, die Quelle von Platons Licht und der Gerechtigkeit (oder die <a target="_blank" href="https://www.friedrich-schiller-archiv.de/inhaltsangaben/naenie-text-zusammenfassung-interpretation/2/">Schönheit</a><a target="_blank" href="https://www.friedrich-schiller-archiv.de/inhaltsangaben/naenie-text-zusammenfassung-interpretation/2/"> wie Schiller sie denkt</a>) mit Augen zu sehen, so hilft uns die Beschäftigung damit (die Suche danach), sie mit der Vernunft erkennen (schauen) zu lernen. Dies wird im Kugelspiel mit dem Wurf der gedellten Kugel geübt. </p><p>Die gedellte, unvollkommene Kugel ist die Metapher für unsere unvollkommene Existenz und zugleich für die Erkenntnisfähigkeit, und damit die Metapher für die Möglichkeit der Vervollkommnung. Es ist eben nur eine Metapher, da sich tatsächliche Vervollkommung nur annäherungsweise vorstellen lässt. Wie die Welt, das was existiert, aus dem Vollkommenen hervortritt, aber selbst nur unvollkommen ist, so ist auch der Mensch als Wesen ein Geschöpf nach dem Bild (Ur-Form) Gottes, mit Potenzial für weitere Entwicklung in Richtung des Ideals. Idee im Griechischen bedeutet Ur-Form, Ebenbild, Abbild des Vollkommenen. </p><p>Nach diesen vielen Erläuterungen, die du dir nicht als ‘mitzuschleppende Last’ zumuten musst, sondern als ‘Ladestation für einen geistigen Akku’ vorstellen darfst, an die du dich bei Bedarf wieder anschliessen und ‘aufladen’ kannst, geht es nun also zurück zur Frage nach der Freiheit. </p><p>Der Kern dieser Erläuterungen liegt in der Schärfung des Auges der Vernunft in deinen Gedanken: </p><p><p>Durch häufiges Üben, die Kugel zum Ur-Bild zurück zu rollen, werden nach und nach alle Schichten von Kräften durchdrungen, die unsere Kugel physisch als Kreise um den Mittelpunkt der “Zielscheibe” durchquert, und die jene Kräfte darstellen, die wir in unserer nach Vervollkommnung (und Sinn) strebenden Persönlichkeit als in unserem Wesen angelegt erkennen und nach und nach entwickeln können.</p></p><p>Dieser Kern ist die hingebungsvolle Liebe, durch die sich Gottes Wesen in uns und in der Welt offenbart. Diese Liebe heisst im Griechischen Agape. <a target="_blank" href="https://morgenstunden.substack.com/t/agape">Über sie haben wir schon mehrfach geschrieben</a>. Und doch ist es immer wieder notwendig, die Trägheit der Masse in uns genau so anzustossen wie im Kugelspiel: wenn die Kugel liegen bleibt, nehmen wir sie wieder auf und wiederholen die Übung des Wurfs. </p><p>Wir haben die Freiheit. Wo entspringt die Quelle dieser Freiheit? In unserem Gefühl entspringt die wahre Freiheit nicht. Unser Gefühl kann Freiheit spüren, wird aber auch leicht getäuscht, durch berauschende Einflüsse, die sich im ersten Moment gar auch wie Freiheit anfühlen, es aber nicht sind, weil diese rauschhafte ‘Freiheit’ ver-zehrt. Sie will immer mehr. Wie Eros will sie um ihrer selbst willen die Wiederholung eines sinnlichen Genusses. Und das nennt man Sucht. Sucht zerstört. </p><p>Tatsächliche Freiheit wird mit der Erkenntnis unseres Ursprungs und unseres ewigen Lebens in jener transzendenten Kraft erreicht, die die abrahamitischen Religionen Gott nennen. Diese Freiheit ist geistiger Natur. Das Spirituelle hat seine Wortwurzel im lateinischen “<a target="_blank" href="https://www.frag-caesar.de/lateinwoerterbuch/spiritus-uebersetzung.html">spiritus</a>”, was auch Atem oder Hauch bedeutet. Und Freiheit, die auch in Gegenwart des physischen Todes keine Furcht kennt. Denn, wie Katie Skurja in ihrem Beitrag über <a target="_blank" href="https://ganzmenschsein.substack.com/p/der-ort-den-sich-die-liebe-zur-wohnung">die Menschwerdung</a>, das <a target="_blank" href="https://ganzmenschsein.substack.com/p/liebe-die-sich-weigert-zu-spalten">Kreuz</a> und die <a target="_blank" href="https://ganzmenschsein.substack.com/p/auferstehung-mehr-als-einer-brutalen">Auferstehung</a> beschrieben hat, geht die agapische Liebe durch den Tod hindurch. Sie ist größer als die physische Existenz in dieser Welt. Sie ist erhaben. Sie ist frei. </p><p>Schiller <a target="_blank" href="https://archive.ph/au3w8#selection-1045.390-1053.269">schreibt in seinem Text über das Erhabene</a> dann auch:</p><p><p>“Gegen alles, sagt das Sprüchwort, gibt es Mittel, nur nicht gegen den Tod. Aber diese einzige Ausnahme, wenn sie das wirklich im strengsten Sinne ist, würde den ganzen Begriff des Menschen aufheben. Nimmermehr kann er das Wesen sein, welches will, wenn es auch nur einen Fall gibt, wo er schlechterdings muß, was er nicht will. Dieses einzige Schreckliche, was er nur muß und nicht will, wird wie ein Gespenst ihn begleiten und ihn, wie auch wirklich bei den mehresten Menschen der Fall ist, den blinden Schrecknissen der Phantasie zur Beute überliefern; seine gerühmte Freiheit ist absolut nichts, wenn er auch nur in einem einzigen Punkte gebunden ist.”</p></p><p>Schiller fährt dann fort: </p><p><p>“Die Kultur soll den Menschen in Freiheit setzen und ihm dazu behilflich sein, seinen ganzen Begriff zu erfüllen. Sie soll ihn also fähig machen, seinen Willen zu behaupten, denn der Mensch ist das Wesen, welches will. (…) Aber die Kräfte der Natur lassen sich nur bis auf einen gewissen Punkt beherrschen oder abwehren; über diesen Punkt hinaus entziehen sie sich der Macht des Menschen und unterwerfen ihn der ihrigen. (…) Jetzt also wäre es um seine Freiheit gethan, wenn er keiner andern als physischen Kultur fähig wäre (…) so bleibt ihm, um keine Gewalt zu erleiden, nichts anders übrig, als: ein Verhältniß, welches ihm so nachtheilig ist, ganz und gar aufzuheben und eine Gewalt, die er der That nach erleiden muß, dem Begriff nach zu vernichten. Eine Gewalt dem Begriffe nach vernichten, heißt aber nichts anders, als sich derselben freiwillig unterwerfen. Die Kultur, die ihn dazu geschickt macht, heißt die moralische.</p><p>Der moralisch gebildete Mensch, und nur dieser, ist ganz frei. Entweder er ist der Natur als Macht überlegen, oder er ist einstimmig mit derselben. Nichts, was sie an ihm ausübt, ist Gewalt, denn eh‘ es bis zu ihm kommt, ist es schon seine eigene Handlung geworden, und die dynamische Natur erreicht ihn selbst nie, weil er sich von allem, was sie erreichen kann, freithätig scheidet. Diese Sinnesart aber, welche die Moral unter dem Begriff der Resignation in die Nothwendigkeit und die Religion unter dem Begriff der Ergebung in den göttlichen Rathschluß lehret, erfordert, wenn sie ein Werk der freien Wahl und Ueberlegung sein soll, schon eine größere Klarheit des Denkens und eine höhere Energie des Willens, als dem Menschen im handelnden Leben eigen zu sein pflegt. Glücklicher Weise aber ist nicht bloß in seiner rationellen Natur eine moralische Anlage, welche durch den Verstand entwickelt werden kann, sondern selbst zu seiner sinnlich vernünftigen, d. h. menschlichen Natur eine ästhetische Tendenz dazu vorhanden, welche durch gewisse, sinnliche Gegenstände geweckt und durch Läuterung seiner Gefühle zu diesem idealistischen Schwung des Gemüths kultiviert werden kann.”</p></p><p>Auch hier in diesem Zitat gilt: nicht das einzelne Wort musst du verstehen (aber mit etwas Geduld erschliesst sich jedes einzelne Wort), sondern mir lag daran, dir im ausführlichen Kontext zu zeigen, dass Schiller und Frankl an der selben Stelle ansetzen: Moralische Erziehung veredelt das Gefühl zu einem Maße, dass es sich der unechten Freiheitsgefühle erwehren kann. Dass es nicht mehr (oder nicht so leicht) getäuscht werden kann, weil es selbst bereits vernünftig (Schiller) oder gewissenhaft (Frankl) zu empfinden gelernt hat. Weil es selbst frei ist! </p><p>Schiller <a target="_blank" href="https://archive.ph/au3w8#selection-1125.0-1132.0">drückt es in seiner wundervollen Sprache</a> (die sich mit etwas Geduld wie jede Sprache erlernen lässt) <a target="_blank" href="https://archive.ph/au3w8#selection-1125.0-1132.0">so aus</a>: </p><p><p>Zwei Genien sind es, die uns die Natur zu Begleitern durchs Leben gab. Der eine, gesellig und hold, verkürzt uns durch sein munteres Spiel die mühvolle Reise, macht uns die Fesseln der Nothwendigkeit leicht und führt uns unter Freude und Scherz bis an die gefährlichen Stellen, wo wir als reine Geister handeln und alles Körperliche ablegen müssen, bis zur Erkenntniß der Wahrheit und zur Ausübung der Pflicht. Hier verläßt er uns, denn nur die Sinnenwelt ist sein Gebiet; über diese hinaus kann ihn sein irdischer Flügel nicht tragen. Aber jetzt tritt der andere hinzu, ernst und schweigend, und mit starkem Arm trägt er uns über die schwindlichte Tiefe.</p><p>In dem ersten dieser Genien erkennt man das Gefühl des Schönen, in dem zweiten das Gefühl des Erhabenen. Zwar ist schon das Schöne ein Ausdruck der Freiheit, aber nicht derjenigen, welche uns über die Macht der Natur erhebt und von allem körperlichen Einfluß entbindet, sondern derjenigen, welche wir innerhalb der Natur als Menschen genießen. Wir fühlen uns frei bei der Schönheit, weil die sinnlichen Triebe mit dem Gesetz der Vernunft harmonieren; wir fühlen uns frei beim Erhabenen, weil die sinnlichen Triebe auf die Gesetzgebung der Vernunft keinen Einfluß haben, weil der Geist hier handelt, als ob er unter keinen andere als seinen eigenen Gesetzen stünde.</p></p><p>Es ist das Erhabene, das Göttliche, welches uns in existenziell gefährdenden Situationen die Würde und Kraft gibt, menschlich zu handeln. </p><p>Nikolaus von Kues und das Kugelspiel führen uns spielerisch an den Punkt der Erkenntnis unseres göttlichen Kerns, unserer seelischen Mitte in Gott. Friedrich Schiller und <a target="_blank" href="https://youtu.be/emQLRpLQgCw?t=273">Viktor Frankl zeigen uns praktisch</a> durch ihre künstlerische Genialität (auch der Arzt Frankl übt eine Kunst aus, lieber Miko!), wie wir uns wieder moralisch kräftigen und in Verbindung mit unserem menschlich-kreativen Kern bringen können.</p><p><p>“Je mehr es einem um die Lust geht, um so mehr vergeht sie einem wieder.” — Viktor Frankl</p></p><p>Verantwortung ist also das Gefühl, welches uns unser Gewissen wahrzunehmen und auszufüllen hilft. Freiheit ist erst dann wirklich erreicht, wenn wir in der Lage sind, das Bedürfnis nach Lustgewinn und Schmerzvermeidung als nicht dem Menschen eigen zu erkennen, denn es ist jenes Bedürfnis, welches auch Tiere verspüren. Der Mensch hat das Bedürfnis nach Sinn. Den findet er letztlich nur in der Transzendenz, in der hingebenden Liebe an etwas, das größer ist als er selbst. Die Kraft, die notwendig ist, auch in existentiellen Situationen die Augen nicht vor der Realität zu verschliessen, sondern zu tun, was getan werden will, um ganz Mensch sein und voller Würde Mensch bleiben zu können (selbst im letzten Moment der physischen Existenz) gewinnt der Mensch aus der Ästhetischen Kunst, also der Auseinandersetzung mit dem Schönen und Erhabenen.</p><p>Ich hoffe, lieber Miko, das dir dieser Text gefallen möge. Und unseren Lesern auch!</p><p>Dein Opa!</p><p>PS: Heute Abend ist wieder Kugelspiel am Doppellecker in Holdorf</p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://morgenstunden.substack.com/subscribe?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_2">morgenstunden.substack.com/subscribe</a>

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June 24, 2026

Die Morgenstunde am Doppellecker

<p>Die Morgenstunden heute aus Holdorf im Oldenburger Münsterland, wo der Doppellecker 14 Tage lang „Love, Peace and Coffee“ anbietet.</p><p>Und ich lade ein zum Spiel mit Nikolaus von Kues.</p><p>Aufgrund kleiner technischer Probleme ist das Video leider unterbrochen worden und kommt hier mit der Einladung zum Spiel!</p><p></p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://morgenstunden.substack.com/subscribe?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_2">morgenstunden.substack.com/subscribe</a>

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May 27, 2026

Über Schillers zeitlos wahres Gedicht “Das Ideal und das Leben”

<p>Lieber Miko,</p><p>eigentlich hatte ich vor, dir eine sehr schöne Übersetzung eines noch nicht erschienenen englischen Textes zu dieser Morgenstunde mitzubringen, doch die Sache braucht noch ein paar Tage.</p><p>Wie schön fügt es sich da, dass mir meine Enttäuschung über die Verzögerung von unserem Freund Ralf Schauerhammer völlig aufgelöst wurde. Ralf hat mir einen wunderbaren Text über die Bedeutung von Friedrich Schillers Gedicht “Das Ideal und das Leben” zur Kenntnis gebracht, den er schon vor 13 Jahren verfasst hatte.</p><p>Der Text soll dir und unseren Lesern eine Hilfe sein, den Sinn und die Bedeutung von klassischer Kunst und Ästhetik noch besser zu verstehen. Er ist weiterhin hoch aktuell. Er ist gleichzeitig aber auch selbst ein kleines Kunstwerk, denn er bettet die Information ein in das herrliche Bild vom Brechen des Brots, also vom Vorteil des Anderen durch das Teilen, und von der Gemeinschaft. Und er erinnert an eines der schönsten Gleichnisse: <a target="_blank" href="https://www.bibleserver.com/ZB.LUT/Markus4,26-34">Das vom Senfkorn</a>.</p><p>Also: Los geht’s!</p><p>Über Schillers zeitlos wahres Gedicht “Das Ideal und das Leben”</p><p><strong>Von Ralf Schauerhammer</strong></p><p></p> <br/><br/>This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit <a href="https://morgenstunden.substack.com/subscribe?utm_medium=podcast&#38;utm_campaign=CTA_2">morgenstunden.substack.com/subscribe</a>

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