

- 77
- Episodes
- 397
- Ratings
- Monthly
- Cadence
- 2022
- First episode
About Flurfunk Geschichte
Wir sind Daniel und Solveig und begeistern uns für Geschichte. Wir haben lange zusammen im Museum gearbeitet und Führungen gemacht. Im Mittelpunkt unserer Folgen stehen Menschen, ihre Lebenswelt und die Frage, warum sich unsere Sicht auf frühere Epochen immer wieder verändert. Jeden Monat erzählen wir Euch eine unserer Lieblingsgeschichten. Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns auch über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steadyhq.com/de/flurfunk-geschichte/ Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge. Links: Unsere Website: flurfunk-geschichte.de Podcast und Videos auf unserem Youtube-Kanal Instagram - facebook - threads Email: kontakt@flurfunk-geschichte.de
- Publisher
- Daniel und Solveig
- Category
- education · history
- Language
- de
- Explicit
- No
- First episode
- 15 Jan 2022
- Latest episode
- 22 Oct 2026
Latest episodes
77 episodes in the feed.

22 Oct 2026
FG076 - Fritz Bauer: Ihr hättet Nein sagen müssen!
„Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ Mit diesem Satz von Fritz Bauer (https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Bauer) steigen wir ein und fragen uns, wie Auschwitz in der jungen Bundesrepublik überhaupt vor Gericht kam – und gegen wie viel Widerstand. Wir starten im Dezember 1963 in Frankfurt und gehen dann zurück zu dem hessischen Generalstaatsanwalt, der diesen Prozess möglich gemacht hat. Unterwegs begegnen uns ein Eid auf Hitler persönlich, ein Einbruch in ein Frankfurter Büro und Briefe voller Hass. Und am Ende die Frage, was von einer Aufarbeitung bleibt, wenn der eine Mensch fehlt, der sie vorantreibt. Herkunft, Studium und eine Beleidigung Fritz Bauer wird 1903 in eine liberale, assimilierte jüdische Familie geboren (in Stuttgart! nicht in Tübingen, wie Solveig in der Folge sagt), die sich als deutsch und national-konservativ versteht. Der Vater meldet sich im Ersten Weltkrieg (https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Weltkrieg) freiwillig, auch ein Onkel zieht an die Front – ein Detail, das wichtig ist, weil später das Gerücht die Runde macht, Juden hätten sich gedrückt. 1921 beginnt Bauer sein Jurastudium in Heidelberg, später wechselt er nach Tübingen. An den Universitäten wächst der Antisemitismus, befeuert von der Dolchstoßlegende (https://de.wikipedia.org/wiki/Dolchsto%C3%9Flegende); Studentenverbindungen nehmen keine Juden auf, was gerade im Jurastudium auch die Karriere bedroht. 1927 promoviert Bauer im Wirtschaftsrecht und wird Richter in Stuttgart. 1931 greift ihn die NS-Zeitung „NS-Kurier“ persönlich an und unterstellt ihm, vertrauliches Aktenmaterial an die SPD-Zeitung „Schwäbische Tagwacht“ weiterzugeben. Bauer stellt Strafantrag und bekommt in Teilen recht, wird aber trotzdem vom Strafrecht ins Zivilrecht versetzt. Wir fragen uns, ob das eine Maßnahme war, um ihn aus der Schusslinie zu nehmen. Verfolgung, Haft und Exil Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Wiederherstellung_des_Berufsbeamtentums) beendet 1933 seine Richterlaufbahn, wenig später verliert er auch die Anwaltszulassung. Schon am 23. März 1933 wird Bauer, der der SPD nahesteht und im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold (https://de.wikipedia.org/wiki/Reichsbanner_Schwarz-Rot-Gold) aktiv war, ins KZ Heuberg (https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Heuberg) gebracht. Dort begegnet er Kurt Schumacher (https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Schumacher), den er sein Leben lang bewundert. Im November 1933 kommt Bauer frei; ob er dafür eine Unterwerfungserklärung unterschrieben hat, lässt sich nicht belegen. Über seine Haft hat er sonst nie gesprochen. 1934 emigriert seine Schwester Margot mit ihrem Mann nach Kopenhagen, 1936 folgt Bauer. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1940 wird er drei Monate interniert, im Oktober 1943 gelingt der Familie die Flucht nach Schweden. Dort gibt er mit Willy Brandt (https://de.wikipedia.org/wiki/Willy_Brandt) die „Sozialistische Tribüne“ heraus. Margot kehrt nie nach Deutschland zurück. Der Remer-Prozess Schon im Mai 1945 will Bauer zurück und schreibt im Dezember an die Amerikaner; es dauert bis 1949. Ronen Steinke (https://de.wikipedia.org/wiki/Ronen_Steinke), auf dessen Biografie wir uns stützen, erklärt die Verzögerung auch mit Misstrauen gegenüber jüdischen Beamten, von amerikanischer wie von deutscher Seite. Wer jüdisch war, gab damals oft „glaubenslos“ an; auch Bauer tut das. Deshalb fragen wir uns, ob er wirklich ein überzeugter Atheist war oder gelernt hatte zu schweigen – eindeutig lässt sich das aus unserer Sicht nicht sagen. 1950 wird Bauer Generalstaatsanwalt in Braunschweig. 1952 klagt er Otto Ernst Remer (https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Ernst_Remer) an, der 1944 an der Niederschlagung des Umsturzversuchs beteiligt war, die Sozialistische Reichspartei (https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialistische_Reichspartei) mitgegründet hatte und die Attentäter des 20. Juli als „Landesverräter“ bezeichnete. Im Remer-Prozess (https://de.wikipedia.org/wiki/Remer-Prozess) argumentiert Bauer, ein Eid auf einen einzelnen Menschen sei der deutschen Rechtsgeschichte vor Hitler unbekannt, das Dritte Reich ein Unrechtsstaat (https://de.wikipedia.org/wiki/Unrechtsstaat). Das Gericht verurteilt Remer nur wegen Beleidigung, nicht wegen übler Nachrede, folgt Bauer aber in der Einordnung des NS-Staates. Wir lesen darin eine erste juristische Anerkennung dieses Unrechts – und zugleich ein Opfer-Narrativ, das nach 1945 schnell Konjunktur hatte. Der Hinweis auf Eichmann Seit 1956 arbeitet Bauer in Frankfurt. 1957 erreicht ihn ein Brief von Lothar Hermann, der als Jude nach Argentinien geflohen war und wusste, wo sich Adolf Eichmann (https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Eichmann) aufhielt. Bauer gibt die Information an den israelischen Diplomaten Felix Shinnar weiter; der Mossad ist zunächst skeptisch, Bauer hakt mehrfach nach. Den deutschen Geheimdienst umgeht er, weil er fürchtet, dass Eichmann gewarnt würde und verschwände. Wenige Wochen vor der Festnahme am 11. Mai 1960 bricht ein Mossad-Mitarbeiter in Bauers Büro ein und fotografiert die Akte. Dass Bauer beteiligt war, wird erst 1968 durch einen Nachruf in der israelischen Presse bekannt. Der Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015) widmet sich vor allem dieser Episode. Der Frankfurter Auschwitz-Prozess 1959 leitet der Journalist Thomas Gnielka Unterlagen von Emil Wulkan an Bauer weiter, die dieser aus dem brennenden SS- und Polizeigericht in Breslau gerettet hatte: vorgedruckte Ermittlungsschreiben zu „auf der Flucht erschossenen“ Häftlingen, unterzeichnet unter anderem von Rudolf Höß und seinem Adjutanten Robert Mulka (https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Mulka). Der Bundesgerichtshof beauftragt Bauer mit dem Ermittlungsverfahren. Er überträgt die Arbeit an seine „junge Riege“, vor allem Joachim Kügler (https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_K%C3%BCgler) und Georg Friedrich Vogel, später kommt Gerhard Wiese dazu – Angehörige der Flakhelfer-Generation, von der Bauer hofft, dass sie nicht im NS-System ausgebildet wurde. Wahlplakat der FDP, 1949 Die Staatsanwälte nehmen rund 1500 Zeugenaussagen auf, 211 Zeugen werden im Prozess vernommen, und sie recherchieren 599 mögliche Täter, von denen nur 23 angeklagt werden können. Am 16. April 1963 wird Anklage erhoben; der vorgesehene Hauptangeklagte Richard Baer stirbt im Juni 1963 in Untersuchungshaft, sodass 22 Angeklagte bleiben. Der Prozess beginnt am 20. Dezember 1963, die Urteile fallen am 19. und 20. August 1965. Dass wir so viel über ihn wissen, liegt an den Tonbändern, die „zur Stütze des Gedächtnisses“ mitliefen und heute auf auschwitz-prozess.de (https://www.auschwitz-prozess.de/) zu hören sind. Befehlsnotstand, Schlussstrich und Nachwirkung Die Angeklagten berufen sich auf Soldateneid und Befehlsnotstand (https://de.wikipedia.org/wiki/Befehlsnotstand). Das Gericht folgt dem nicht: Man habe nein sagen können. „Ihr hättet Nein sagen müssen“, sagt Bauer in einem Radiointerview; wir denken dabei auch an die Antigone, die wir in diesem Jahr schon besprochen haben. Die Mehrheit der Gesellschaft sieht das anders. Umfragen aus dieser Zeit zeigen, dass 63 Prozent der Männer und 76 Prozent der Frauen einen Schlussstrich wollen, und Bauer erhält Briefe voller Hass, in denen ihm Rachsucht unterstellt wird. In einer Fernsehdiskussion mit Studierenden im „Kellerclub“ 1964 erleben wir ihn dagegen versöhnlich und bedacht. Im eigentlichen Prozess hält er sich zurück; die Verhandlung führen Kügler, Vogel und Wiese, Kügler fällt dabei durch seine Schärfe auf. Beruflich macht von den dreien später niemand wirklich Karriere; Kügler eröffnet kurz nach dem Prozess eine Kanzlei und verteidigt laut Steinke später auch NS-Täter. Nach Bauers Tod 1968 geraten die Verfahren wieder ins Stocken, ein von ihm angestrebter Prozess zu den Euthanasie-Verbrechen findet nicht statt. Solveig schließt mit einem persönlichen Gedanken: Wer aus der Mehrheitsgesellschaft kommt, kann sich irgendwann zurückziehen – für Bauer ging es um das eigene Leben. Fritz Bauer (https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Bauer) | Jurist, 1950 Generalstaatsanwalt in Braunschweig, ab 1956 in Frankfurt; treibende Kraft hinter dem Auschwitz-Prozess Auschwitz-Prozess (https://de.wikipedia.org/wiki/Auschwitz-Prozess) | Frankfurter Prozess 1963–1965 gegen Robert Mulka und 21 weitere Angeklagte Robert Mulka (https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Mulka) | Adjutant des Lagerkommandanten Rudolf Höß, Hauptangeklagter im Frankfurter Prozess Remer-Prozess (https://de.wikipedia.org/wiki/Remer-Prozess) | Braunschweiger Prozess 1952, in dem Bauer das NS-Regime als Unrechtsstaat einordnete Otto Ernst Remer (https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Ernst_Remer) | Mitgründer der Sozialistischen Reichspartei, bezeichnete die Attentäter des 20. Juli als Landesverräter Kurt Schumacher (https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Schumacher) | SPD-Politiker, mit Bauer im KZ Heuberg; für ihn ein Vorbild Adolf Eichmann (https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Eichmann) | Organisator der Deportationen; 1960 in Buenos Aires festgenommen, auch auf Hinweis Bauers Joachim Kügler (https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_K%C3%BCgler) | Staatsanwalt im Auschwitz-Prozess; wechselte später in die Strafverteidigung Ronen Steinke (https://de.wikipedia.org/wiki/Ronen_Steinke) | Autor der Bauer-Biografie, auf der ein großer Teil der Folge beruht Befehlsnotstand (https://de.wikipedia.org/wiki/Befehlsnotstand) | Rechtfertigungsversuch der Angeklagten, vom Gericht zurückgewiesen Verwandte Folgen Die vergebliche Hoffnung der Haskala (https://steady.page/de/flurfunk-geschichte/posts/c847e369-7095-41e3-be28-9d4d4dfbb9a8) (Nachlapp): was „assimiliert“ im 19. und frühen 20. Jahrhundert bedeutet, Hintergrund für Bauers Familie. Literatur etc. Ronen Steinke: Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht. München: Piper 2013. Der Staat gegen Fritz Bauer. Spielfilm, Deutschland 2015. Tonbandmitschnitte des Auschwitz-Prozesses, online unter auschwitz-prozess.de (https://auschwitz-prozess.de) (Fritz Bauer Institut; Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes). Fernsehdiskussion mit Fritz Bauer im „Kellerclub“ (https://youtu.be/72XO8-zrJe8?si=OJssHEUBR609ePKC), 1964. Musik Béla Bartók: Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta (Sz 106), Radio-Symphonie-Orchester Berlin, Ferenc Fricsay, Aufnahme von 1954. Quelle: oer-musik.de (https://cc0.oer-musik.de/002894793102-sz106/) (CC0), archiviert durch die Bayerische Staatsbibliothek. Erik Satie: Gnossienne, Edward Rosser. Quelle: Musopen (https://musopen.org/music/44070-gnossiennes-no-1/) (CC PD) Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi (https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte) unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte (https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte) Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte (https://steadyhq.com/de/flurfunk-geschichte/) Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge. Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.de (mailto:kontakt@flurfunk-geschichte.de) Flurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook (https://www.facebook.com/flurfunkgeschichte), Instagram (https://www.instagram.com/flurfunk_geschichte/) und threads (https://www.threads.net/@flurfunk_geschichte). Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. (https://www.youtube.com/@flurfunkgeschichte) Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche (https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm/): https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm (https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm)

8 Oct 2026
FG075 - Katholischer als der Papst? Marcel Lefebvre und die Piusbrüder
Am 1. Juli 2026 weihte die Piusbruderschaft (https://de.wikipedia.org/wiki/Priesterbruderschaft_St._Pius_X.) in Écône (https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89c%C3%B4ne) vier neue Bischöfe – gegen den ausdrücklichen Wunsch von Papst Leo XIV. (https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_XIV.) Einen Tag später erklärte der Vatikan alle Geistlichen der Bruderschaft für exkommuniziert. Für uns der Anlass zu fragen: Wer war eigentlich der Mann, dessen Name diese Gemeinschaft bis heute trägt, und wieso hält eine Gruppe von Katholiken es für ihre Pflicht, sich gegen den eigenen Papst zu stellen? Wir schauen uns an, was ein Schisma (https://de.wikipedia.org/wiki/Schisma) im Kirchenrecht überhaupt bedeutet, blicken zurück auf frühere Kirchenspaltungen von Chalcedon bis Avignon – und erzählen die Geschichte von Marcel Lefebvre (https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Lefebvre), der als angesehener Konzilsvater begann und als Anführer der wohl bekanntesten traditionalistischen Abspaltung der katholischen Kirche endete. Geht es dabei wirklich nur um die lateinische Messe? Und was verbindet die Ereignisse von 1988 mit dem, was gerade erst wieder passiert ist? Was ist ein Schisma? Von Chalcedon bis Avignon Bevor es um Lefebvre geht, klären wir den Begriff: Ein Schisma (https://de.wikipedia.org/wiki/Schisma) (griech. „Spaltung") tritt automatisch ein, sobald jemand ohne päpstliche Erlaubnis Bischöfe weiht – die sogenannte Tatstrafe (https://de.wikipedia.org/wiki/Tatstrafe) (ipso facto) der Exkommunikation (https://de.wikipedia.org/wiki/Exkommunikation), die das kanonische Recht vorsieht. Wir blicken zurück auf frühere große Spaltungen: das Konzil von Chalcedon (https://de.wikipedia.org/wiki/Konzil_von_Chalcedon) (451), das morgenländische Schisma (https://de.wikipedia.org/wiki/Morgenl%C3%A4ndisches_Schisma) von 1054 zwischen Rom und Konstantinopel (https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantinopel) (formal erst 1965 durch Papst Paul VI. (https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_VI.) und Patriarch Athenagoras I. (https://de.wikipedia.org/wiki/Athenagoras_I.) beigelegt, eine gemeinsame Eucharistiefeier gibt es bis heute nicht) sowie das abendländische Schisma (https://de.wikipedia.org/wiki/Abendl%C3%A4ndisches_Schisma) (1378–1417) mit zeitweise drei rivalisierenden Päpsten in Rom, Avignon (https://de.wikipedia.org/wiki/Avignon) und Pisa, beendet durch das Konzil von Konstanz (https://de.wikipedia.org/wiki/Konzil_von_Konstanz). Die Reformation (https://de.wikipedia.org/wiki/Reformation) selbst nennt man aus katholischer Sicht meist nicht „Schisma", sondern spricht von Konfessionalisierung – Antwort darauf ist das Konzil von Trient (https://de.wikipedia.org/wiki/Konzil_von_Trient), das nicht nur die protestantische Lehre verurteilt, sondern 1570 unter Pius V. (https://de.wikipedia.org/wiki/Pius_V.) auch den einheitlichen römischen Messritus festlegt, der später zum Zankapfel wird. Kulturkampf, Laizismus und die Wurzeln des katholischen Traditionalismus Die Französische Revolution (https://de.wikipedia.org/wiki/Franz%C3%B6sische_Revolution) und die Säkularisierung prägen im 19. Jahrhundert eine katholische „Selbstvergewisserungsphase" – Marien-Dogmen, Kulturkampf (https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturkampf), Prozessionen, das Verhältnis Pius' IX. (https://de.wikipedia.org/wiki/Pius_IX.) zum italienischen Risorgimento (https://de.wikipedia.org/wiki/Risorgimento). In Frankreich verschärft sich der Konflikt: Die Dreyfus-Affäre (https://de.wikipedia.org/wiki/Dreyfus-Aff%C3%A4re) (1894) entzweit das Land, 1905 wird mit dem Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat (https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Trennung_von_Kirche_und_Staat_(Frankreich)) die Trennung von Kirche und Staat radikal vollzogen – Kirchenbesitz wird enteignet, Orden aufgelöst, Religionsunterricht verboten. Pius X. (https://de.wikipedia.org/wiki/Pius_X.) verurteilt das in seiner Enzyklika Vehementer Nos. In diesem Klima entsteht die Action Française (https://de.wikipedia.org/wiki/Action_fran%C3%A7aise) um den agnostischen Schriftsteller Charles Maurras (https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Maurras): eine monarchistische, integralistische und explizit antisemitische Bewegung, die die gesamte Gesellschaft der kirchlichen Autorität unterstellen will. Marcel Lefebvre: Herkunft und früher Werdegang Marcel Lefebvre wird am 29. November 1905 in Tourcoing (https://de.wikipedia.org/wiki/Tourcoing) geboren, als eines von acht Kindern einer frommen, großbürgerlichen Textilfabrikantenfamilie. Sein Vater René engagiert sich im Zweiten Weltkrieg in der Résistance (https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%A9sistance), verhilft Juden zur Flucht, wird 1941 verhaftet und stirbt 1944 im KZ Sonnenburg (https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Sonnenburg) – in seinem letzten Brief bekennt er sich als „französischer Katholik und Monarchist", der nur in christlichen Monarchien Frieden für möglich hält. Lefebvre selbst studiert 1923–1930 am französischen Priesterseminar in Rom, geprägt von einem Rektor aus der antiliberalen, antimodernistischen und antikommunistischen Tradition der Action Française. Er tritt den Spiritanern (https://de.wikipedia.org/wiki/Spiritaner) (Kongregation vom Heiligen Geist) bei, ist Missionar in Gabun (https://de.wikipedia.org/wiki/Gabun), wird Erzbischof von Dakar (https://de.wikipedia.org/wiki/Dakar) (1955–1962) und schließlich Generaloberer der Spiritaner (1962–1968). Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) Nach dem Tod Pius' XII. (https://de.wikipedia.org/wiki/Pius_XII.) 1958 wählt das Konklave (https://de.wikipedia.org/wiki/Konklave) den greisen Patriarchen von Venedig, Angelo Giuseppe Roncalli, als vermeintlichen Übergangspapst Johannes XXIII. (https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_XXIII._(Papst)) – Namensgeber des Zirkus Roncalli. Überraschend kündigt er ein Konzil an; in seiner Eröffnungsrede Gaudet Mater Ecclesia setzt er auf das „Heilmittel der Barmherzigkeit" statt auf Verurteilung. Lefebvre sitzt in der Vorbereitungskommission und erwartet ein zügiges Abnicken der vorbereiteten Texte – doch gleich am ersten Sitzungstag durchkreuzen Kardinal Achille Liénart (https://de.wikipedia.org/wiki/Achille_Li%C3%A9nart) (Lille) und Kardinal Josef Frings (https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Frings) (Köln, mit seinem jungen theologischen Berater Josef Ratzinger (https://de.wikipedia.org/wiki/Benedikt_XVI.)) diesen Plan, indem sie mehr Bedenkzeit bei der Kommissionsbesetzung verlangen. Für Lefebvre ist das eine „bestürzende Verschwörung". Zentrale Streitpunkte werden später die Kollegialität der Bischöfe in Lumen Gentium (https://de.wikipedia.org/wiki/Lumen_gentium) und vor allem Nostra Aetate (https://de.wikipedia.org/wiki/Nostra_aetate), das den Dialog mit Judentum und Islam sucht und die ältere Formel extra ecclesiam nulla salus relativiert. Trotz aller Kritik unterschreibt Lefebvre am Ende sämtliche Konzilsdokumente. Bruch mit Rom: Das Schisma von 1988 1968 verlässt Lefebvre die Spiritaner, die die Konzilsreformen umsetzen wollen, und geht in die Schweiz nach Fribourg (https://de.wikipedia.org/wiki/Freiburg_im_%C3%9Cechtland). 1970 gründet er dort mit bischöflicher Erlaubnis die Priesterbruderschaft St. Pius X. (https://de.wikipedia.org/wiki/Priesterbruderschaft_St._Pius_X.), das Seminar zieht bald ins größere Écône im Wallis um (später kommen weitere Standorte hinzu, darunter Zaitzkofen in Bayern). 1974 veröffentlicht Lefebvre eine „Erklärung", in der er sich zum „ewigen Rom" bekennt, die nachkonziliaren Reformen aber als „vergiftet" und „häretisch" verwirft. Rom reagiert: 1975 wird ihm die Anerkennung entzogen, 1976 wird er suspendiert. Kardinal Ratzinger sucht als Präfekt der Glaubenskongregation die Versöhnung, 1987 findet eine Apostolische Visitation in Écône statt. Ein Protokoll vom 5. Mai 1988 soll die Rückkehr regeln – Lefebvre zieht seine Zustimmung aber zurück. Am 30. Juni 1988 weiht er ohne päpstliche Erlaubnis vier Bischöfe: Bernard Fellay (https://de.wikipedia.org/wiki/Bernard_Fellay), Bernard Tissier de Mallerais (https://de.wikipedia.org/wiki/Bernard_Tissier_de_Mallerais), Alfonso de Galarreta (https://de.wikipedia.org/wiki/Alfonso_de_Galarreta) und Richard Williamson (https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Williamson_(Bischof)). Johannes Paul II. (https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Paul_II.) bestätigt die automatische Exkommunikation im Motu proprio Ecclesia Dei (https://de.wikipedia.org/wiki/Ecclesia_Dei_(Motu_proprio)) – mit dem zugleich die Päpstliche Kommission Ecclesia Dei (https://de.wikipedia.org/wiki/P%C3%A4pstliche_Kommission_Ecclesia_Dei) für versöhnungswillige Traditionalisten entsteht. Solche sammeln sich in der Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) (https://de.wikipedia.org/wiki/Priesterbruderschaft_St._Petrus). Benedikt XVI. und der Fall Williamson Als Papst Benedikt XVI. (https://de.wikipedia.org/wiki/Benedikt_XVI.) sucht Ratzinger 2007 mit Summorum Pontificum (https://de.wikipedia.org/wiki/Summorum_Pontificum) einen Ausgleich: Der alte Ritus wird als „außerordentliche Form" desselben römischen Ritus neben dem Novus Ordo wieder erlaubt. Daran entzündet sich eine Debatte um die Karfreitagsfürbitte für die Juden (https://de.wikipedia.org/wiki/Karfreitagsf%C3%BCrbitte_f%C3%BCr_die_Juden). 2009 hebt Benedikt die Exkommunikation der vier 1988 geweihten Bischöfe auf – zeitgleich wird ein Interview publik, in dem Richard Williamson den Holocaust leugnet. Williamson eckt auch innerhalb der Piusbruderschaft an, wird 2012 wegen Ungehorsams ausgeschlossen und gründet eine eigene, noch radikalere Abspaltung. Ein neues Schisma Und dann wiederholt sich die Geschichte: Am 1. Juli 2026 weiht die Piusbruderschaft erneut ohne Mandat vier Bischöfe in Écône – trotz eines persönlichen Appells von Papst Leo XIV. Am 2. Juli erklärt das vatikanische Dikasterium für die Glaubenslehre (https://de.wikipedia.org/wiki/Dikasterium_f%C3%BCr_die_Glaubenslehre) unter Kardinal Víctor Manuel Fernández (https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%ADctor_Manuel_Fern%C3%A1ndez) alle Kleriker der Bruderschaft für exkommuniziert, diesmal ausdrücklich auch Laien, die sich formell der Gemeinschaft zugehörig fühlen – eine Verschärfung gegenüber 1988. Marcel Lefebvre (https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Lefebvre) | Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X., zentrale Figur der Folge Charles Maurras (https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Maurras) / Action Française (https://de.wikipedia.org/wiki/Action_fran%C3%A7aise) | Ideelle Prägung Lefebvres: monarchistisch-integralistische Bewegung Johannes XXIII. (https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_XXIII._(Papst)) | Einberufer des Zweiten Vatikanischen Konzils Josef Ratzinger / Benedikt XVI. (https://de.wikipedia.org/wiki/Benedikt_XVI.) | Konzilsberater, später Glaubenspräfekt, sucht Versöhnung mit der Piusbruderschaft Johannes Paul II. (https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Paul_II.) | Bestätigt 1988 die Exkommunikation Lefebvres (Ecclesia Dei) Franz Schmidberger (https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Schmidberger) | Lefebvres Nachfolger als Generaloberer, Autor der „Zeitbomben des Konzils" Richard Williamson (https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Williamson_(Bischof)) | 1988 mitgeweihter Bischof, später wegen Holocaustleugnung und Ungehorsams im Zentrum weiterer Skandale/Spaltungen Davide Pagliarani (https://de.wikipedia.org/wiki/Davide_Pagliarani) | Aktueller Generaloberer der Piusbruderschaft Priesterbruderschaft St. Pius X. (SSPX) (https://de.wikipedia.org/wiki/Priesterbruderschaft_St._Pius_X.) | Von Lefebvre 1970 gegründete traditionalistische Gemeinschaft Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) (https://de.wikipedia.org/wiki/Priesterbruderschaft_St._Petrus) | 1988 gegründete Abspaltung, die in Gemeinschaft mit Rom blieb Écône (https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89c%C3%B4ne) | Priesterseminar der Piusbruderschaft im Wallis Zweites Vatikanisches Konzil (https://de.wikipedia.org/wiki/Zweites_Vatikanisches_Konzil) | Zentraler Streitpunkt der gesamten Folge Nostra Aetate (https://de.wikipedia.org/wiki/Nostra_aetate) | Konzilserklärung zum Verhältnis zu anderen Religionen Summorum Pontificum (https://de.wikipedia.org/wiki/Summorum_Pontificum) | Benedikts XVI. Motu proprio zur Zulassung des alten Ritus (2007) Verwandte Folgen FG014 – Inquisition | Ketzer sind Vegetarier! (https://flurfunk-geschichte.de/014-inquisition-ketzer-sind-vegetarier/) und FG015 – Inquisition | Sie meinen es doch gut! (https://flurfunk-geschichte.de/015-inquisition-sie-meinen-es-doch-gut/): Referenzpunkt für den Vergleich, wie die Kirche früher „wahren Glauben" geprüft hat. FG037 – Der Nonnen-Fähnrich (https://flurfunk-geschichte.de/037-der-nonnen-faehnrich/): Hintergrund zu Papst Urban VIII., der in dieser Folge kurz aufgegriffen wird. FG052 – Konklave – Machtkampf und Heiliger Geist (https://flurfunk-geschichte.de/52-konklave-machtkampf-und-heiliger-geist/): Für alle, die nach dieser Folge verstehen wollen, wie eigentlich ein Papst gewählt wird. FG062 – Kulturkampf um den Heiligen Rock (https://flurfunk-geschichte.de/62-kulturkampf-um-den-heiligen-rock/): Der frühe Kulturkampf des 19. Jahrhunderts als Vorgeschichte des katholischen Selbstverständnisses, das später bei Lefebvre eine Rolle spielt. FG068 – Von Gottes Gnaden: Friedrich Wilhelm IV. (https://flurfunk-geschichte.de/68-von-gottes-gnaden-friedrich-wilhelm-iv/): Die religiöse Romantik-Bewegung und der Kölner Dom. Literatur Zweites Vatikanisches Konzil: Lumen Gentium, Nostra Aetate (Konzilsdokumente, 1964/1965) Johannes XXIII.: Eröffnungsansprache Gaudet Mater Ecclesia (11. Oktober 1962) Marcel Lefebvre: Erklärung vom 21. November 1974 (Glaubensbekenntnis/„Declaration") Marcel Lefebvre: Ich klage das Konzil an (frz. J'accuse le Concile, 1976) Marcel Lefebvre: Offener Brief an die ratlosen Katholiken (frz. Lettre ouverte aux catholiques perplexes; dt. Ausgabe Mediatrix-Verlag, Wien 1986) Franz Schmidberger: Vortrag „Die Zeitbomben des Konzils" (1989) Alois Schifferle: Die Pius-Bruderschaft (Butzon & Bercker) Jan-Heiner Tück: Ausverkauf des Konzils. Die Päpste und die Piusbruderschaft – eine Konfliktgeschichte (Herder) Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi (https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte) unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte (https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte) Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte (https://steadyhq.com/de/flurfunk-geschichte/) Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge. Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.de (mailto:kontakt@flurfunk-geschichte.de) Flurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook (https://www.facebook.com/flurfunkgeschichte), Instagram (https://www.instagram.com/flurfunk_geschichte/) und threads (https://www.threads.net/@flurfunk_geschichte). Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. (https://www.youtube.com/@flurfunkgeschichte) Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche (https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm/): https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm (https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm)

17 Sept 2026
FG074 - Luigi Lucheni und die Anarchisten | Mit Johannes von Alle Zeit der Welt
Am 10. September 1898 sticht ein junger italienischer Wanderarbeiter am Genfer Seeufer auf die österreichische Kaiserin Elisabeth ein – und ruft, als er von ihrem Tod erfährt, jubelnd: „Es lebe die Anarchie!“ Wir kümmern uns dieses Mal um Luigi Lucheni, und zwar mit Verstärkung: Johannes vom Podcast Alle Zeit der Welt (https://open.spotify.com/show/3LAwW8q6JUgLuImlq9WvDM?si=0VmJuVKMQ0OGW7kRFr92sA&utm_source=copy-link) bringt uns die großen Denker des Anarchismus näher – Pierre-Joseph Proudhon (https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre-Joseph_Proudhon), Michail Bakunin (https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Bakunin) und Pjotr Kropotkin (https://de.wikipedia.org/wiki/Pjotr_Alexejewitsch_Kropotkin) –, während wir uns fragen, wie viel von Luchenis eigener Erzählung überhaupt stimmt. Er selbst hat immer beteuert, ganz allein und aus reiner Überzeugung gehandelt zu haben. Doch schon sein Verhörprotokoll steckt voller kleiner Widersprüche: Woher wusste ein Tagelöhner, der die Kaiserin nie mit eigenen Augen gesehen haben will, eigentlich, wie sie aussieht? Und was hat es mit dem Telegramm auf sich, das ganz andere Hintermänner vermuten lässt? Wir gehen der Frage nach, ob Lucheni wirklich der einsame Einzeltäter war, als der er in die Geschichte eingegangen ist – oder ob da noch mehr dahintersteckt. Das Attentat am Genfer Seeufer Kaiserin Elisabeth reist im September 1898 unter dem Titel Gräfin von Hohenems inkognito zur Kur an den Genfersee, begleitet nur von ihrer Hofdame Irma Staray. Am 10. September wollen die beiden mit dem Dampfer nach Territet übersetzen, als ein Mann auf sie zustürzt. Elisabeth geht zu Boden, erhebt sich aber scheinbar unverletzt wieder und besteigt noch das Schiff – erst dort bricht sie endgültig zusammen. Wir lesen aus dem Bericht der Irma Staray vor, wie sie erst auf dem Deck die kleine, kaum blutende Stichwunde entdeckt und begreift, dass die Kaiserin erstochen wurde. Der Täter, sofort von Passanten gestellt, ist zu diesem Zeitpunkt bereits verhaftet: Luigi Lucheni. Ihm wird zunächst nur versuchte Körperverletzung vorgeworfen, da niemand ahnt, wie schwer die Verletzung tatsächlich ist – bis die Meldung vom Tod der Kaiserin eintrifft und Lucheni seinen Erfolg bejubelt. Vom Waisenkind zum Wanderarbeiter Wer war dieser Mann? Lucheni wird 1873 unehelich in Paris geboren und von seiner Mutter zur Adoption freigegeben. Er wächst bei wechselnden Pflegefamilien in der Gegend um Parma auf, arbeitet schon als Kind, unter anderem als Gärtner, Steinmetzgehilfe und beim Eisenbahnbau. Seine Jugend fällt in die Zeit der großen italienischen Arbeitsmigration in die Schweiz: Nach dem Risorgimento (https://de.wikipedia.org/wiki/Risorgimento) bleibt Süditalien wirtschaftlich weit hinter dem Norden zurück, während in der Schweiz durch den Ausbau der Eisenbahn – etwa die Gotthardbahn – Arbeit für italienische Wanderarbeiter entsteht. Im Tessin trifft Lucheni auf eine große italienischsprachige Community, zu der auch politische Emigranten gehören: Republikaner, die der Königsherrschaft in Italien entkommen wollten, und eben auch Anhänger des Anarchismus. Diese Kreise sind es, auf die sich Lucheni später im Verhör beruft – auch wenn er betont, allein gehandelt zu haben. Drei Denker, eine Idee: Proudhon, Bakunin und Kropotkin Bevor es an die Auswertung des Verhörs geht, ordnet Johannes ein, wovon Lucheni eigentlich spricht, wenn er sich Anarchist nennt. Er stellt drei zentrale Theoretiker des 19. Jahrhunderts vor: Proudhon, Sohn eines Küfers aus Besançon, ist der Erste, der sich selbst als Anarchist bezeichnet, und prägt mit „Qu'est-ce que la propriété?“ den Satz „Eigentum ist Diebstahl“ – wobei er zwischen legitimem Besitz (was man selbst nutzt) und illegitimem Eigentum (was man andere für die Nutzung bezahlen lässt) unterscheidet. Seine Fehde mit Marx, der ihn öffentlich abkanzelt, beendet eine zunächst freundschaftliche Beziehung. Bakunin, russischer Landadliger, kämpft auf den Barrikaden von 1848/49, wird nach Sibirien verbannt, flieht über Japan und die USA nach London und liefert sich Zeit seines Lebens einen Machtkampf mit Marx um die Ausrichtung der Ersten Internationalen – den er beim Haager Kongress 1872 verliert. Sein Name ist untrennbar mit der zwielichtigen Nechayev-Affäre verbunden, bei der ein junger Anhänger im Namen der Sache einen Mord begeht. Kropotkin, Fürst aus dem Geschlecht der Rurikiden, entwickelt mit „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ eine wissenschaftliche Gegenposition zum Sozialdarwinismus: Nicht Konkurrenz, sondern Kooperation sei der entscheidende evolutionäre Faktor – und entsprechend sei eine herrschaftsfreie Gesellschaft keine Utopie gegen die menschliche Natur, sondern ihre Entfaltung. Alle drei, das wird deutlich, haben sich nie zu Attentaten wie dem auf Kaiserin Elisabeth bekannt – die „Propaganda der Tat“ entwickelt sich eher am Rand der Bewegung, getragen von den eigenen frustrierten Anhängern. War Lucheni ein Einzeltäter? Der Kern der Folge ist die Frage, ob Lucheni tatsächlich allein gehandelt hat, wie es die gängige Erzählung will. Anhaltspunkte, die daran zweifeln lassen, liefert unter anderem die Historikerin Anna Maria Sigmund (https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Maria_Sigmund): Luchenis Aussagen zur Tatwaffe ändern sich zwischen den Verhören mehrfach, ebenso seine Angaben dazu, wann und wo er sie gekauft hat. Er behauptet, die Kaiserin habe er vier Jahre zuvor in Budapest gesehen – nachweislich zu einem Zeitpunkt, an dem er selbst seinen Militärdienst ableistete und die Kaiserin gar nicht in Budapest war. Und obwohl Elisabeth streng inkognito reist, weiß Lucheni ganz genau, wie sie aussieht, obwohl seine eigenen Quellen dafür nicht ausreichen. Die österreichische Gesandtschaft in Bern telegrafiert im September 1898 nach Wien, man sei einem Komplott auf der Spur, das in London angezettelt und über Zürich nach Genf getragen worden sei – mit dem anarchistischen Publizisten Giuseppe Ciancabilla als möglichem Drahtzieher. Vieles spricht dafür, dass Lucheni mit seiner Version vor allem Mitwisser wie seinen Bekannten Martinelli schützen wollte. Die anarchistische Bewegung positioniert sich Wie reagiert die anarchistische Szene selbst auf die Tat? Giuseppe Ciancabilla, Herausgeber der italienischsprachigen Zeitung „L'Agitatore“, verteidigt Lucheni schon eine Woche nach dem Attentat öffentlich: Es gehe nicht um die Kaiserin als Individuum, sondern als Vertreterin einer herrschenden Klasse, die für Massaker wie die brutale Niederschlagung der Mailänder Brotproteste durch General Bava Beccaris mitverantwortlich sei. Wenige Monate später, aus dem US-amerikanischen Exil, äußert sich Ciancabilla differenzierter: Persönlich habe ihm die Tat nicht gefallen, weil sie der anarchistischen Bewegung in der Schweiz massive Repression eingebracht habe – ihre Berechtigung als Ausdruck kollektiver Rebellion spricht er ihr trotzdem nicht ab. Die Debatte erinnert nicht zufällig an spätere Diskussionen über politische Gewalt, etwa um die RAF in den 1970er-Jahren. Verurteilung, Tod und Nachleben Da in Genf die Todesstrafe abgeschafft ist, bekommt Lucheni nicht die Hinrichtung, die er sich gewünscht hatte, sondern lebenslange Haft in strenger Einzelhaft. Zwölf Jahre später, 1910, erhängt er sich in seiner Zelle. Sein Kopf wird zunächst „zur wissenschaftlichen Untersuchung“ aufbewahrt – man erhofft sich phrenologische Beweise für seine vermeintlich kriminelle Veranlagung, findet aber nichts. Das Gehirn wandert noch Jahrzehnte später zwischen Genf und Wien hin und her, bevor es im Jahr 2000 endlich auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt wird. Zum Abschluss werfen wir noch einen Blick auf die Rezeption der Tat in Film und Musical – vom Kinofilm „Sisi & Ich“ bis zum Musical „Elisabeth“ –, wo Lucheni oft zum bloßen Werkzeug einer Erlösungsgeschichte der Kaiserin verkleinert wird, was wir mit Blick auf seine tatsächlichen politischen Beweggründe für verkürzt halten. Kaiserin Elisabeth von Österreich (Sisi) (https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_von_%C3%96sterreich-Ungarn) | Opfer des Attentats Luigi Lucheni (https://de.wikipedia.org/wiki/Luigi_Lucheni) | Attentäter Irma Sztáray (https://de.wikipedia.org/wiki/Irma_Szt%C3%A1ray) | Hofdame und Augenzeugin des Attentats Pierre-Joseph Proudhon (https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre-Joseph_Proudhon) | Erster selbsternannter Anarchist, „Eigentum ist Diebstahl“ Michail Bakunin (https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Bakunin) | Anarchistischer Theoretiker, Rivale von Marx Pjotr Kropotkin (https://de.wikipedia.org/wiki/Pjotr_Alexejewitsch_Kropotkin) | Anarchistischer Theoretiker, „Gegenseitige Hilfe“ Giuseppe Ciancabilla (https://it.wikipedia.org/wiki/Giuseppe_Ciancabilla) | Anarchistischer Publizist, kommentierte die Tat Anna Maria Sigmund (https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Maria_Sigmund) | Historikerin, zweifelt an der Einzeltäter-These Anarchismus (https://de.wikipedia.org/wiki/Anarchismus) | Politische Theorie, zentrales Thema der Folge Risorgimento (https://de.wikipedia.org/wiki/Risorgimento) | Italienische Einigungsbewegung, Hintergrund von Luchenis Migration Verwandte Folgen FG009 – Sisi: misslungene Jahre einer Kaiserin (https://flurfunk-geschichte.de/009-sisi-misslungene-jahre-einer-kaiserin/) und FG016 – Sisi: Die untote Kaiserin (https://flurfunk-geschichte.de/016-sisi-die-untote-kaiserin/): Wer mehr über Elisabeths Leben vor Genf erfahren möchte, findet hier die Vorgeschichte – wir selbst hatten das Thema Sisi eigentlich schon abgehakt und kommen in dieser Folge nur noch einmal darauf zurück, weil es hier um ihren Tod geht. Unser Gastauftritt bei Johannes im Podcast Alle Zeit der Welt über Hexen und antike Magie (https://rss.com/podcasts/allezeitderwelt/1362672/) und Hexenprozesse und die Rolle der Inquisition (https://rss.com/podcasts/allezeitderwelt/1364816/). Literatur Anna Maria Sigmund: Tatort Genfer See. Kaiserin Elisabeth im Fadenkreuz der Anarchisten. Molden Verlag, Wien 2020, ISBN 978-3-222-15053-1. Ob mit Dolch, Feile. Textsammlung zur Ermordung der Kaiserin Sissi durch den Anarchisten Luigi Lucheni. roofdruk edities & unruhen publikationen, Amsterdam 2013 – deutsche Übersetzung der Verhörprotokolle Luchenis, ursprünglich erschienen als Come e perché ho ucciso la principessa Sissi, Edizioni Anarchismo Nr. 20, 2009. Pierre-Joseph Proudhon: Qu'est-ce que la propriété? Paris 1840. Pierre-Joseph Proudhon: Système des contradictions économiques, ou Philosophie de la misère. Paris 1846. Karl Marx: Misère de la philosophie. Réponse à la Philosophie de la misère de M. Proudhon. Paris/Brüssel 1847. Michail Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie. 1873. Michail Bakunin: Gott und der Staat. Postum veröffentlicht 1882. Pjotr Kropotkin: Die Eroberung des Brotes. London 1892. Pjotr Kropotkin: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. London 1902. Sisi und der Anarchist – Das Attentat auf die Kaiserin. Dokumentation, Spiegel Geschichte, 2018 (Regie/Recherche: Anna Maria Sigmund). Kontakt und Unterstützung Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi (https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte) unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte (https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte) Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichte (https://steadyhq.com/de/flurfunk-geschichte/) Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge. Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.de (mailto:kontakt@flurfunk-geschichte.de) Flurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook (https://www.facebook.com/flurfunkgeschichte), Instagram (https://www.instagram.com/flurfunk_geschichte/) und threads (https://www.threads.net/@flurfunk_geschichte). Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal. (https://www.youtube.com/@flurfunkgeschichte) Weiterer Podcast Willst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche (https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm/): https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm (https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm)
Reach and audience
Public platform figures. Ratings count people who left a rating, not total listeners.
- Spotify
- 4.8 / 5
- 397 ratings
Contact Flurfunk Geschichte
- Guest appearances
- Does not typically book guests
Based on episode analysis; this does not confirm that the show is currently accepting guests.
Host of Flurfunk Geschichte?
Claim your podcast to manage its listing and keep your show details accurate.
Pod Engine is an independent podcast discovery and analytics service and is not affiliated with or endorsed by this podcast. Artwork and show content belong to their owners. Full legal notice.
Explore this show
Podcast research with Pod Engine





